DIE ZUKUNFT DER SCHÄDLINGSBEKÄMPFUNG

In drei Veröffentlichungen hat das UBA in den vergangenen Wochen Berichte über Untersuchungen herausgegeben, die sich mit dem Einsatz von Rodentiziden in der Schädlingsbekämpfung beschäftigen:

  • 142/2020 Alternativen zum Biozid-Einsatz: Reduzierung der Verwendung von Bioziden – Prüfung von Alternativen zum Biozid-Einsatz (Juli 2020)
  • 145/2020 Erforschung der Ursachen für die nachgewiesene Gewässerbelastung mit Rodentiziden (EPT-Stoffe) und Erarbeitung von Risikominderungsmaßnahmen zum Schutz der aquatischen Umwelt (Juli 2020)
  • 159/2020 Effektivität und Weiterentwicklung von Risikominderungsmaßnahmen für die Anwendung von als Biozid ausgebrachten antikoagulanten Rodentiziden mit hohem Umweltrisiko (August 2020)

UMWELTÜBERTRAGUNG AUF VIELEN WEGEN

Bei der untersuchten Außenbeköderung mit Rodentiziden wird deutlich, dass auch dieses Verfahren über mehrere Wege zum Umwelteintrag beiträgt: Selbst, wenn Köder gemäß der RMM korrekt ausgelegt werden, führen Starkregen- und Hochwasserereignisse zur Auswaschung der Wirkstoffe in das Oberflächenwasser. Über die bekannten Primärvergiftungen bei Nicht-Zieltieren wie Spitzmäusen hinaus wurde erstmals die Belastung von Singvögeln in die Betrachtung einbezogen und untersucht. Auch hier erschreckende Zahlen: Fast 30 % der untersuchten Singvögel waren mit Rückständen von antikoagulanten Wirkstoffen aus der Schädlingsbekämpfung belastet, allen voran Rotkehlchen, Heckenbraunellen, Kohlmeisen und Buchfinken.
Sie dringen zum einen zur Nahrungssuche in die Köderstationen ein und ernähren sich zum anderen von wirbellosen Tieren, die vorher vom Köder gefressen haben. Auch Singvögel tragen die Belastung über die Nahrungskette (Beutegreifer) weiter. Mögliche Sekundärvergiftungen wurden über Rotfüchse untersucht, bei denen fast 60 % der untersuchten Tiere belastet waren! Und auch wenn die Ratte, die zuvor vom Köder gefressen hat, nicht von einem Räuber gefunden wird, sondern irgendwo verdeckt stirbt, trägt der in ihr enthaltene Wirkstoff zum Umwelteintrag bei.

Alternativen zum Rodentizid-Einsatz sind seit Jahren vorhanden. Ausgereift, wirksam, wirtschaftlich:

  • Schlagfallen in der Kanalisation, die z.B. in Dänemark bereits seit vielen Jahren in großer Anzahl eingesetzt werden und in den untersuchten Gemeinden für eine Reduzierung der ausgebrachten Rodentizide in Kanälen um 98 % (!) führten. Das Verfahren ist vom UBA als geeignete, humane und effiziente Methode zur Rattenbekämpfung anerkannt.
  • Abdeckkappen, die verhindern, dass Ratten über die Kanaldeckel ins Freie kommen und sich wieder zurückziehen können.
  • Visuelles Monitoring, auch mit der Hilfe von Kameras möglich, um zu erkennen, wie die Situation tatsächlich ist. 
  • Digital überwachte Fangsysteme mit verschiedenen technologischen Verfahren.
  • Integrierte Bekämpfungskonzepte, über die gern geredet wird, die aber viel zu selten tatsächlich erarbeitet und umgesetzt werden.

VERÄNDERUNG DRINGEND NOTWENDIG

Die publizierten Untersuchungsergebnisse zeigen deutlich, dass eine Minimierung der Ausbringung der als vPBT-Stoffe eingestuften antikoagulanten Wirkstoffe dringend notwendig ist. Der Markt bietet seit Jahren mechanische und elektrische Fangsysteme für das Monitoring und die Bekämpfung von Nagern, die sich in der Praxis in vielen Einsätzen bewährt haben. Darüber hinaus entwickeln innovative Marktteilnehmer kontinuierlich neue Systeme, deren Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit sich immer weiter erhöhen. Meiner Meinung nach können antikoagulante Rodentizide in den meisten Fällen nicht mehr verantwortungsvoll eingesetzt werden: Die Notwendigkeit ist häufig nicht gegeben und die Umweltrisiken sind viel zu hoch.
Es täte der Branche gut, sich mit den Alternativen auseinanderzusetzen und sie auszuprobieren, statt voreingenommen in alten Verhaltensweisen zu verharren. Ein wenig erinnert mich die Situation an die Autoindustrie: Das lange Festhalten an überkommenen Geschäftsmodellen, bis man vom Gesetzgeber und von innovativen Wettbewerbern, teilweise aus ganz anderen Branchen, zum Umdenken gezwungen wird – wobei der dort zu erwartende drastische Verlust an Marktanteilen und Arbeitsplätzen zu denken geben sollte.Stimmen Sie mir zu?
Ich persönlich bin sehr zuversichtlich, dass die Rodentizide in diesem Jahrzehnt stark reduziert werden. Selbst wenn nicht, sehen Sie an den Zahlen der international führenden Dienstleistungsunternehmen, dass sie sich schrittweise zu einer drastischen Reduzierung der Rodentizide entschlossen haben. Es wird also passieren, ganz gleich was die Hauptantriebskräfte sind und ich habe nicht einmal über Lebensmittelstandards gesprochen. Dies wird sich sicherlich vertikal in der Welt verbreiten. Von einem Bauernhof, über die Produktion, bis hin zum Supermarkt wird es sich auswirken. Auch diese werden verantwortungsbewusster und nachhaltiger handeln und ich bin ziemlich sicher, dass sie eines Tages noch stärker als je zuvor mit der IPM-Pyramide in Verbindung stehen werden.